Laudatio von Ekkehard Tanner, Kunsthistoriker an der Kunsthalle Schirn und am Städel in Frankfurt

Die Kunst der Bestandsaufnahme von Ekkehard A. R. Tanner
„Black Label – Bestandsaufnahme.“ So lautet der Titel dieser ersten gemeinsamen Ausstellung der beiden Künstlerinnen Romy Campe und Claudia Sawallisch.

Es gibt Fragen im Leben, die unbequem sind: Können wir ein selbstbestimmtes Leben führen? Was ist es, das wir im Leben wollen? Die Malerin Romy Campe schafft in ihren neuesten Gemälden „Traumfänger“, „Gewissensbiss“ und „Königin“, traumhafte Atmosphären. Es sind kunstvolle und poetische, einfühlsame und gefühlsintensive Bilder, die stark sind ohne Stärke zu zeigen, sanft sind ohne zerbrechlich zu wirken.

Das Gemälde „Traumfänger“ (Abb. 1), zeigt eine junge Frau, die in einem Holzbottich steht. Ihre Beine sind verschränkt. Sie trägt nur ein weißes, violett schimmerndes T-Shirt mit tiefem Ausschnitt, welches von einem lichten Windhauch sanft durchflutet wird. Einem Lüsterweibchen gleich reckt die Figur ihren Körper nach vorne, während sie ihre weit ausgestreckten Arme und ihren Kopf nach hinten wirft. Ihre Augen scheinen geschlossen, sie ist entrückt. Die Traumgestalt befindet sich in einem romanischen Kirchenraum dessen Boden bis zum Untergrund freigelegt ist. Das Mittelschiff der Basilika öffnet sich zum Himmel. Im Hintergrund beginnt der Raum weiß zu leuchten. Zahlreiche orangefarbene Kugeln schweben langsam durch den Raum. Sie symbolisieren Träume. Sind es die Träume der Figur, sind es unsere Träume…? Zwei oder drei kleinere werden wohl schon geplatzt sein: Die weibliche Traumgestalt ist mit etwas Farbe bekleckert. Jetzt, in diesem Moment, ist eine Kugel direkt über dem Antlitz der jungen Frau geplatzt. Hellrote Farbe bricht bedrohlich hervor. Die schlanken Beine der jungen Frau sind mit zementfarbenem Grau beschmiert.

Was ist es, das uns am Boden hält?
Was ist es, das uns daran hindert zu fliegen?
Ist es möglich ein Selbstbestimmtes Leben zu führen?

Romy Campe lädt uns ein ihre Bilder zu betrachten und regt mit ihren Kompositionen zum Nachdenken an. Was geschieht denn da eigentlich? Und – wer ist in dem Bild gemeint?

„Gewissensbisse“ (Abb. 2) lautet der Titel eines weiteren querformatigen Werks der Malerin. Es zeigt einen undefinierbaren Raum in warmen, dunstigen Orange. Zärtlich, fast schüchtern blickt eine Frau in die linke Bildhälfte. Verlegen faßt sie sich an die Lippen. Das Porträt erscheint wie die Reflexion aus einem Konvexspiegel. Blickt man ins Auge des sich spiegelnden großen Kopfes, hat man den Eindruck bis auf den Grund der Seele der Figur zu schauen.

Gewissensbiss, 130x200cm

Gewissensbiss
130x200cm
Mixed Media on Canvas

Sehen wir uns selbst?

Auf der großen Treppe, die an die Labyrinthe in den Kupferstichen des Giovanni Battista Piranesi erinnern, steht ein junges Mädchen. Sie wirkt streng und unschlüssig zugleich. Auf ihrem Rücken ist ein kleiner Rucksack. Ein Rucksack, so Campe „weil das Gewissen immer etwas mit sich herumschleppt“. Der Rucksack ist nicht sehr voll, dafür aber schwer. Das Mädchen ist der verkörperte Gewissensbiss.

„Warum malst Du nicht mit mir?“ oder „Warum malst Du nicht?“, scheint sie zu fragen. Sie steht für das alltägliche SichFragen, ob man wirklich alles getan hat, was zu tun war.

Unter den neusten Arbeiten von Romy Campe nimmt „Königin“ einen besonderen Platz ein. Wir sehen eine „Königin“ mit einem kindlichen, fast geschlechtslosen Körper, die im Begriff ist, sich mit Farbe selbst zu krönen. Es gibt nichts was die Figur ablenkt. Bis über die Hüften steht sie in reinigendem Wasser, gemalt in dunklem Pariser Blau. Jetzt, in diesem Moment wird sie Königin. Die Figur, eine Art Alter Ego der Künstlerin, ist eine Malerin, deswegen krönt sie sich mit Farbe. Denn Farbe ist das Element aus dem die Bilder sind.

Was wollen wir vom Leben?

Womit würden wir uns krönen?

Romy Campe - DIE KÖNIGIN

DIE KÖNIGIN
80 x 70 cm
mixed media on wood

Neben diesen traumhaft surrealen Werken zeigt die Ausstellung auch einige neuere Porträts von Romy Campe.

„Erinnerung I“ und „Erinnerung II“ (Abb. x und x) sind zwei aktuelle Porträts der Malerin. Es sind Nahaufnahmen, Closeups, in informeller Geste gemalt. Es sind figurative Werke mit einer Tendenz zur Abstraktion. Noch figurativ haben sie einen Hang zur Abstraktion. Sie stellen eine Fortführung und Intensivierung früherer Arbeiten Campes dar, etwa den beiden monumentalen Großformaten „Ich mit mir“ und „Ich mit Dir“ (Abb. x und y). Die allein schon in ihrer physischen Präsenz eindrucksvollen Gemälde zeigen je einen abwesend wirkenden, weiß geschminkten Frauenkopf, der aus einem parisblauen Nichts emportaucht. Auf dem einem Gemälde hat die Frau geschlossene, auf dem anderen geöffnete Augen: Dort ist sie mit sich, hier mit Dir.

Romy Campe - ERINNERUNG

ERINNERUNG
90 x 90 cm
mixed media on canvas

„Black Label“ ist die erste gemeinsame Ausstellung der Malerin Romy Campe und der malenden Bildhauerin Claudia Sawallisch. Wenn Romy Campes Gemälde traumhaft-surreale Welten eröffnen, öffnet Claudia Sawallisch in ihren Skulpturen gleichsam eine vierte Dimension und lotet damit die Grenzen unserer Vorstellung aus.

Kann man Ikarus als Frau denken? Ist es möglich einen Engel im weiblichen zu deklinieren?

„Luftpause III“ (Abb. x) ist ein zartes Gemälde, das zunächst einen mehr grafischen als malerischen Eindruck macht. Bei näherem Betrachten zeigt sich der sinnliche Farbauftrag: Claudia Sawallisch hat die Farbe auf ihren Gemälden größtenteils mit bloßen Händen über die Leinwand verteilt. Die Farbe wird verwischt, und an manchen Stellen mit den Fingernägeln wieder abgekratzt. „Luftpause III“ gibt den Blick auf einen Frauenkörper frei. Wohlgeformte Schultern, eine erigierte Brust, eine schmale Taille, die zum Betrachter gereckten festen Pobacken: Claudia Sawallisch zeigt den Frauenkörper in seiner vollen, verführerischen Weiblichkeit und läßt ihn dabei gleichsam im vagen.

Engelsfiguren bilden den Großteil der Plastiken von Claudia Sawallisch, sie finden sich aber auch in ihren gemalten Bildwelten wieder. So etwa im Diptychon „Genesis“ (Abb. x), das eine Schöpfungsgeschichte erzählt. Drei zusammengekauerte Gestalten liegen in der Bildmitte in transparenten, sich in Auflösung befindenden Kokons. Zwei der Fabelwesen – halb Frau, halb Engel –, sind bereits entschlüpft und lassen ihre Flügel trocknen. „Genesis“ markiert die Schöpfung, die Geburt jener Plastiken mit den Namen Amithiel (Abb. x), Zaruch (Abb. x), Chamuel (Abb. x) oder Königin (Abb. x), die nunmehr auf die Erde, in unsere Realität herabgestiegen sind. Doch wie entstehen Engel? Per Definition sind Engel geschlechtslos, wie also kommen sie auf die Welt? Auf diese Frage antwortet Claudia Sawallisch mit ihrem „Flügelkokon“ (Abb. x): einer liegenden Bodenskulptur aus aufwendig, Schicht für Schicht miteinander verklebtem Japanpapier. Der Flügelkokon leuchtet in einem zarten Blau. Es ist ein Blau aus Pigmenten von Ultramarin und Indigo, die der Klebemasse untergemischt wurden und sich zwischen einigen der Schichten befinden. Der Flügelkokon ist ein Symbol des Engels, denn Flügel sind die Attribute und ein Erkennungszeichen von Engeln. Zumindest dann, wenn sie sich zu erkennen geben.

Unter den Engelsfiguren von Claudia Sawallisch überwiegen jene die einen weiblichen Körper haben. Aber – gibt es denn weibliche Engel?

Ein solcher oder sagen wir besser, eine solche ist „Chamuel“ (Abb. x). In der älteren jüdischen Tradition ist Chamuel einer der sieben Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen. Hier ist Chamuel eine mittelgroße weiße Skulptur mit lang nach unten gestreckten Beinen, einem emporstrebenden Körper und zu einem Kelch geformten Flügeln. Was ist es, daß diese Chamuel zwischen ihren Flügeln hält? Die Oberschenkel der Figur sind statisch, die Füße wirken als seien sie gerade übereinander geschlagen worden und der Oberkörper zeigt den nicht nachlassenden Drang nach vorne, nach oben zu tauchen. Es ist ein sanftes Spiel zwischen Bewegung und Statik. Chamuel, von Claudia Sawallisch als weiblicher Engel neu erfunden, taucht auf und empfängt. Ist es möglich einen Engel im weiblichen zu deklinieren?

Claudia Sawallischs Skulpturen sind dreidimensionale Plastiken aus Papier. Sie entstehen in einem langwierigen, meditativen Prozeß. Dabei schichtet die Bildhauerin eine Lage dünnen Japanpapiers über die nächste, und bestreicht das Ganze immer wieder mit, in traditioneller Weise von ihr selbst hergestelltem Klebstoff. Sawallisch kann ihre Plastiken nur in jenem kurzen, kaum eine Dreiviertelstunde währenden Moment formen, bevor sie getrocknet sind. Ihre Skulpturen haben etwas von jenem non-finito, von jener „Unfertigkeit“ wie sie die Skulpturen von Auguste Rodin und Camille Claudel kennzeichnet und sie bereits bei Statuen Michelangelos prägend ist.

Dieses non-finito findet sich etwa in der „Königin“ (Abb. x). Eine in zweifachem Sinne singuläre Figur unter den Plastiken von Claudia Sawallisch. Während ihre Skulpturen sonst farblich zurückhaltend, ja meist nur in verschiedenen Nuancen zwischen elfenbein- und creme-farbenen Weiß changieren, ist die Königin vollständig in erdiges Rot getaucht. Und auch anders als die übrigen weiblichen Engel, ist die Königin nackt – ohne erotisch zu sein. Ihre Flügel sind einladend, empfangend und weit ausgebreitet. Die Königin, eine Venus von Willendorf mit Kegelförmigen Oberschenkeln, hat etwas mütterliches.

Wie in der „Königin“ zeigt sich ein non-finito auch in den beiden frei nach unten stürzenden Figuren mit dem Titel „Befreiung der Geflügelten“ (Abb. x). Der Sturz des weiblichen und des männlichen Ikarus ist nicht tragisch gemeint. Die Figuren verweisen vielmehr darauf, daß das Verlassen des Mittelmaßes immer auch eine Höhenveränderung mit sich bringt. Eine Möglichkeit des Aufstiegs und eine des Falls.

Kann man Ikarus als Frau denken? Gibt es weibliche Engel?

Als Dorothea Tanning, die Grande Dame des Surrealismus, die im Januar diesen Jahres im Alter von 101 Jahren den letzten Atemzug machte, als also Dorothea Tanning vor etwa zwanzig Jahren gebeten wurde, einen Beitrag über die Rolle der Frauen im Surrealismus zu leisten, antwortete sie mit folgenden Zeilen:

Wenn Du einen geliebten Menschen verlierst, ist es da wichtig ob es ein Bruder oder eine Schwester ist? Wenn Du Vater oder Mutter wirst, ist es da wichtig ob Du einen Jungen oder ein Mädchen bekommen hast? Wenn Du Dich verliebst, ist es (für diese Liebe) wichtig, ob es in einen Mann oder in eine Frau ist? Und wenn Du zu Gott betest, ist es da wichtig ob zu Gott oder zu(r) Göttin?1

Ähnlich entwaffnend wie Dorothea Tanning die Unterscheidungen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit relativiert, zeigt sich Claudia Sawallisch im Umgang mit dem Mythos: Ja, Ikarus ist eine Frau und ein Mann. Ja es gibt weibliche Engel. Denn Engel, daß sind Menschen die uns begegnen. Menschen, :Frauen, und Männer und Kinder, die uns inspirieren, uns bewegen, uns anregen unser Leben aktiv zu gestalten.

Black Label zeigt eine Bestandsaufnahme im Schaffen der Bildhauerin Claudia Sawallisch sowie der Malerin Romy Campe. Zwei Künstlerinnen die in ihren Arbeiten Fragen stellen, Fragen aufwerfen und uns als Betrachter oder Betrachterin entführen, inspirieren und anregen.

Von Ekkehard A. R. Tanner

Kunsthistoriker an der Kunsthalle Schirn und am Städel in Frankfurt